Worum geht es in dieser Folge?
„Da gibt es, wie bei allen Themen, die wir bis jetzt besprochen haben, eigentlich keinen Weg, bei dem man sagt: Der ist der richtige.“ Katrin Eigendorf weiß, dass Luftholen und Auftanken für jeden Menschen anders aussieht. „Es geht hier um Perspektiven“, meint sie. Und davon gibt es in der letzten Folge des Podcasts „Ab jetzt Plan B“ jede Menge. Sowohl Eltern von Kindern mit einer schweren Behinderung als auch Expertinnen aus Psychologie, Familientherapie und Resilienzforschung berichten hier von Möglichkeiten, im Alltag innezuhalten, auf sich selbst zu achten und so auch langfristig gut gewappnet zu sein für alle Aufgaben und Herausforderungen.
Expertinnen & Experten in dieser Folge
Melanie Hubermann
Systemische Familientherapeutin
Melanie Hubermann ist systemische Familientherapeutin und leitet ein eigenes Therapiezentrum mit Schwerpunkt Elternberatung in Berlin. Ihr besonderes Anliegen: Familien mit großen Herausforderungen einen wertschätzenden, sicheren Raum, Stärkung und neue Perspektiven zu geben.
Katrin Flensborg
Diplompsychologin
Katrin Flensborg ist Diplompsychologin mit eigener Praxis und seit vielen Jahren in der Kinderhospizarbeit und Kinderpalliativbegleitung tätig. Für Philip Julius e.V. bietet sie seit mehreren Jahren eine Telefonberatung für Eltern in Krisensituationen an. Finanziert durch Spenden können die Familien fünf für sie kostenfreie Beratungsgespräche in Anspruch nehmen, bei Bedarf auch mehr.
Kleine Rituale – große Wirkung
Grundsätzlich gilt: Oft reichen schon kleine Routinen, um etwas zum Positiven zu verändern. „Damit man nicht in diesem Strudel des Stresses untergeht“, meint Katrin Eigendorf. Und: „Je unspektakulärer, desto besser.“ Familientherapeutin Melanie Hubermann hat da einige ganz konkrete Vorschläge: „Wie können Eltern regenerieren für sich im Einzelnen? Das ist immer die große Frage, weil wir glauben, wir brauchen so wahnsinnig viel Zeit. Aber wir brauchen gar nicht so viel Zeit, wir müssen sie uns nur regelmäßig nehmen, also ritualisieren. Ich empfehle, tatsächlich jeden Tag fünf Minuten mit sich allein einen Kaffee oder Tee zu trinken, was man am liebsten mag. Ohne Handy, ohne Buch, ohne Zeitung, ohne laufende Waschmaschine. Nur das Getränk und ich. Das Getränk genießen, die Wärme spüren, den Geschmack erleben. Das ist eine kurze Auszeit in diesem Moment. Genauso ist es der Moment einer Meditation oder einen Zeitungsartikel zu lesen – ohne Unterbrechung, nur mit sich selbst, das kann sehr erholsam sein. Frisches, gutes Essen, Essen ohne Ablenkung. Nur mit sich in diesem Moment es zu genießen, zu erleben, die Gedanken zur Seite zu schieben. Ich denke jetzt nicht daran, was ich noch alles erledigen muss, sondern ich erlebe den Geschmack meines Salats mit den frischen Kräutern. Baden mit Lavendelduft, einen Duft, den ich besonders mag, aussuchen, den inhalieren und für einen Moment loslassen können. Also es gibt ganz kleine, verschiedene alltägliche Tools, die ich in die Woche integrieren kann, um aufzuatmen.“
Natur und Bewegung
„Wir wissen aus der Resilienzforschung, dass Bewegung und Natur besonders hilfreich ist für Resilienz“, erklärt Resilienzforscherin Prof. Michèle Wessa. Auch Katrin Eigendorf findet, „dass Natur einem unheimlich viel geben kann. Das ist unsere Verbindung eigentlich auch zu uns selbst.“ Prof. Wessa empfiehlt dabei, auf Alltagstauglichkeit zu achten. „Es nützt ja nichts, sich vorzunehmen, zweimal die Woche im Wald einen gemeinsamen Spaziergang zu machen. Auch wenn wir aus der Forschung wissen, dass Natur und Bewegung die Resilienz stärkt, wenn die Familie in der Stadt wohnt und erst mal 30 Minuten braucht, um den Wald zu erreichen. Das heißt, es sollte was sein, was einfach umzusetzen ist, denn nur dann wird es auch regelmäßig umgesetzt.“ Für manche, wie zum Beispiel Katrin, Mutter einer Tochter mit Schwerstbehinderung ist darf es dabei nicht nur entspannte Bewegung, sondern gerne auch intensiver Sport sein.
In sich hinein hören
Wie wichtig es für das eigene Wohlbefinden ist, immer wieder auch bewusst in sich hineinzuhören, beschreibt Diplompsychologin Katrin Flensburg: „Wann habe ich denn eigentlich das letzte Mal überhaupt gespürt, was ich für ein Bedürfnis habe?“, fragt sie. Dieses Wahrnehmen und Verstehen-Wollen, kann auch „erstmal beängstigend und unangenehm“ sein, meint sie. „Es sind ja auch teilweise Gedanken und Gefühle, die man sich selbst gar nicht zugestehen will. Also ich würde am liebsten weglaufen, oder: Vielleicht wäre es doch besser, wenn mein Kind gar nicht auf der Welt wäre. Oder vielleicht wäre es auch besser, wenn ich nicht mehr da wäre. Das sind ja alles schwere Gefühle, die man kaum aushalten kann, die jedoch da sind.“ Hier kann eine professionelle Begleitung hilfreich sein, die Hypothesen und Erklärungen anbietet, Ressourcen sucht und Strategien vorstellt, dabei aber dem Betroffenen immer absolute Freiheit und Selbstbestimmung lässt. In dieser Besinnung auf sich selbst können dann auch gesunde Grenzen gefunden und gesetzt werden, so Katrin Eigendorf. „Zeit mit sich selber verbringen und in sich selber reinhören ist, glaube ich, ein wichtiges Moment des Luftholens. Dass man mal spürt, was bin eigentlich ich in dieser Situation, welche Rolle spiele ich hier, was kann ich geben, wo sind meine Kräfte auch begrenzt, weil wir sehr oft auch über unsere Kräfte hinweggehen und dann wird die Situation einfach auch nicht schön für die Beteiligten. Deswegen glaube ich, ein bisschen Egoismus tut den anderen auch gut, wenn ich sage: Ne, halt stopp, jetzt ist Time Out.“
Ruhe statt Selbst-Optimierung
Vielleicht ist es gerade in solchen Moment, dass man auch grundsätzlich einige Dynamiken des Lebens reflektieren kann – und dabei spüren darf: Es muss gar nicht immer alles höher, weiter und schneller werden, auch man selbst nicht. „Das ist übrigens etwas, was wir als Familie gelernt haben, auch durch die Situation mit Philipp. Wir sind immer Super-Optimierer unseres Lebens. Wir haben so viele Möglichkeiten, versuchen, die alle irgendwie auf die Reihe zu kriegen. Und dass man mal sagt: Ne, es geht nicht immer um die Super-Optimierung, sondern jetzt geht es einfach mal darum: Ruhe. Das ist ein ganz, ganz wichtiger Lerneffekt.“ Nicht zu vergessen dabei: Schlaf ist manchmal ein wirkliches Wundermittel und meist geht es auch dem Herzen besser, wenn der Körper ausgeruht ist.
Familienurlaub
Ruhe kann man nicht nur alleine und in persönlichen Kraftmomenten finden, sondern auch gemeinsam. „Die Luft, die holen wir uns tatsächlich, wenn wir eine gemeinsame Familienauszeit machen. Dass wir gemeinsam mal ein paar Tage wegfahren und einfach wirklich tief durchatmen, die Berge angucken und uns gemeinsam etwas anschauen“, sagt Asjeta. Ihr Sohn Sami, der mit einer Schwerstbehinderung geboren wurde, ist dabei soweit möglich immer mit dabei. Auch Katja erzählt, wie sehr ihnen eine gemeinsame Auszeit vom Alltag als Familie gutgetan hat. „Das ist natürlich auch ein ganz großer Wunsch von uns, als ganze Familie mit Salome wegfahren zu können. Es ist logistisch und vom Aufwand her einfach sehr, sehr schwer, das zu organisieren und da haben wir es bisher tatsächlich nur dieses eine Mal geschafft, mit ihr in den Urlaub zu fahren“, sagt sie und berichtet von ihrer Zeit auf der „Atempause“ von Philip Julius e.V. „Das ist wirklich wunderschön da, dieses ganze Haus, alles ist barrierefrei, es waren ganz, ganz herzliche Mitarbeiter, die Programm für die Geschwisterkinder machen. Und wir hatten tatsächlich auch zwei Pflegekräfte vor Ort für uns dabei, die uns dann natürlich auch größtenteils Salome abgenommen haben und wir hatten aber trotzdem schöne Erlebnisse mit ihr zusammen und haben Ausflüge mit ihr gemacht. Und da konnten wir uns alle ein bisschen erholen und gleichzeitig Spaß haben.“
Gemeinschaft
Das verweist auf einen weiteren wichtigen Erholungsfaktor. „Austausch mit anderen, das trägt Menschen“, ist Katrin Eigendorf überzeugt. Auch Melanie Hubermann legt Wert auf diesen Aspekt. „Ich habe in meiner Arbeit einen wichtigen Punkt entdeckt, der nicht zu unterschätzen ist“, sagt sie, „und das ist die Idee der Gemeinschaft: dass die Familien mit ihrem Schicksal nicht alleine sind und nicht alleine bleiben sollten.“ Sie ergänzt: Familien sollten sich, empfiehlt sie, ein Netzwerk an Unterstützern aufbauen, ähnlich wie in einem Dorf. „Jeder kann eine bestimmte Aufgabe haben. Das gibt den väterlichen oder die mütterliche Freundin. Es kann jemand sein, der beim Einkaufen unterstützt. Es kann die Mutter vom Freund sein, die das gesunde Geschwisterkind mit zum Sport nimmt. Oder Oma und Opa, die sich einmal im Monat um das Geschwisterkind kümmern. Auch die Gemeinschaft der Betroffenen spielt eine ganz große Rolle im Wohlbefinden der betroffenen Familien, das sehe ich besonders in diesen Freizeiten, wenn die zusammentreffen und sich als normal erleben in allem, was sie tun, beim Frühstücken, beim Spielen auf dem Spielplatz oder auch in den Elterngesprächen, wo sie plötzlich merken, ok, ich bin gar nicht so anders, die sind alle gleich, haben die gleichen Herausforderungen.“ Wir müssen nicht alles alleine schaffen, betont Hubermann. „Und diese herausfordernden Situationen im Leben erinnern daran, wie wichtig Gemeinschaft sein kann, wie stärkend das ist. Und dass es eigentlich nur eine Sache braucht: dass wir wieder lernen, in Gemeinschaft zu denken und um Unterstützung zu bitten. Und dass es nicht bedeutet, dass wir etwas nicht schaffen, sondern dass wir extrem stark sind, wenn wir andere um Unterstützung bitten.“
Erfüllende Aufgaben
Auch in den alltäglichen Verpflichtungen und beruflicher Arbeit verstecken sich Kraftquellen. Manuela Selberdinger, Geschäftsführerin von Philip Julius e.V. und selbst Mutter von drei Kindern, eines davon mit Schwerstbehinderung, erzählt, wie viel ihr ihre berufliche Tätigkeit gibt. „Es war wirklich wie eine Fügung, dass das gepasst hat: diese Managementseite, aber eben auch diese persönliche Betroffenheit. Und ich ziehe tatsächlich ganz, ganz viel Kraft aus meiner Arbeit.“ Auch Katrin Eigendorf empfiehlt immer wieder, die Berufstätigkeit als Ausgleich zu den familiären Aufgaben zu sehen und durch sie in Verbindung zum gesellschaftlichen Leben zu bleiben.
Das Positive sehen und sich aufs Wesentliche besinnen
Bei all dem ist es manchmal auch einfach nur die Perspektive, die neue Kraft schenkt und aufatmen lässt. „Ich bin ja auch Kriegsreporterin und sehe viele Menschen, die wirklich in für unsere Begriffe schrecklichen Situationen sind“, sagt Katrin Eigendorf. „Aber Resilienz heißt letztendlich auch, dass man sich klar macht, dass man selber über sein Glück entscheidet. Das hat unglaublich viel mit den Gedanken zu tun. Wir sind nicht unsere Gedanken. Wir können mit gewisser Disziplin einfach auch einen positiven Blick auf die Realität haben. Und das ist etwas, was ich auch gelernt habe mit unserem Sohn: Guck nicht immer auf die düsteren Seiten, sondern guck auch mal auf die positiven Seiten.“ Das Leben mit einem besonderen Kind kann da sogar eine Chance sein. „Ich glaube, ein Kind generell verändert den Blick aufs Leben“, so Eigendorf. „Ein schwerstbehindertes Kind tut das noch mal ganz fundamental, nicht nur im negativen Sinne, sondern durchaus auch als Ermunterung, sich mal auf die wesentlichen Sachen des Lebens zu besinnen, die nicht darin bestehen, Nachbarschaftsstreits zu führen oder sich zu grämen wegen irgendwelcher unsinnigen Dinge, die einem so passieren.“ Manuela Selberdinger weist dabei auf eine schöne Übereinstimmung bei den verschiedenen Familien hin, die im Podcast über ihren Alltag und ihre Herausforderungen erzählt haben: „Was eigentlich alle ja gemein hatten, war, dass sie gesagt haben: Aber uns geht’s gut. Ja, wir haben ein richtig schönes Leben, wir lieben unsere Kinder und wir haben auch ganz, ganz viel Spaß zusammen.“
Einfach mal drüber lächeln
Und nicht zuletzt: Ab und zu hilft einfach eine Prise Humor und Leichtigkeit. „Ich glaube, Teil des Luftholens ist nämlich auch, dass man manchmal die Absurdität des Lebens, wie andere sich stressen, auch ein bisschen belächeln kann, oder?“, findet Eckart von Hirschhausen.
Was auch immer es am Ende ist, das Euch Kraft schenkt: Wir wollen Euch ermutigen, Euch bewusst Zeit dafür zu nehmen, Unterstützungsangebote zu nutzen – und immer wieder einfach einmal durchzuatmen!
„Da haben wir gemerkt, was wir für ein gutes Team sind“, erinnert sich André Dietz an die Zeit nach der Geburt ihres ersten Kindes. Drei Monate musste ihr Sohn damals auf der Intensivstation verbringen und Shari und André durften die Erfahrung machen, dass sie für den anderen stark sein können, wenn dieser es gerade braucht. Gemeinsam geht eben doch Vieles leichter. Das betont auch Katrin Eigendorf. Aus ihrer eigenen Erfahrung weiß sie, wie wichtig es ist, auf Ausgewogenheit in den Verantwortungen zu achten: „Ich glaube, was wir klug gemacht haben, wir haben versucht, die Last der Kindererziehung – und es ist ja auch immer eine Last, nicht nur eine Freude – auf beide Schultern zu verteilen. Was ich auch jetzt sehe in der Arbeit unseres Vereins, was zum Scheitern verurteilt ist, ist das Modell: Einer kümmert sich nur um das kranke Kind und der andere geht raus ins Leben. Man wird so sehr isoliert, viel mehr noch isoliert, als wenn man nur ein ganz normales, gesundes Kind betreuen muss. Man ist irgendwann raus aus dem Leben und wir sehen dann, irgendwann funktioniert diese Partnerschaft nicht mehr, weil es in der Erfahrungswelt immer weiter auseinanderdriftet.“

