Wie der Kurs entstanden ist
Renate ist Ergotherapeutin und hat jahrelang beim SPZ gearbeitet, sie ist selbst pflegende Mutter und weiß daher genau, was im Pflegealltag gut tut und was belastet. Aus ihrem reichen Erfahrungsschatz hat sie ein Konzept für einen Kurs für pflegende Eltern entwickelt, der die Pflegekasse überzeugt hat und der von der Pflegekasse finanziert wird.
Der Kurs für pflegende Eltern: sechs Module, sechs Abende
Der Kurs heißt „(self) care & empowerment“ und hat sechs Module. Jedes Modul dauert zwei Stunden und hat ein eigenes Thema. Ein Kurs kann ab sechs Anmeldungen bzw. TeilnehmerInnen stattfinden.
Modul 1: Ankommen. Hier geht es darum, aus den Eltern eine Gruppe zu bilden. Das passiert schnell. Egal wie unterschiedlich die Eltern und deren Kinder sind, die Gemeinsamkeiten überwiegen.
Die Module 2 bis 6 sind ähnlich aufgebaut und orientieren sich an den Bewältigungsphasen nach Nancy Miller. Nancy Miller war Fachärztin für Psychiatrie und hat im Frühförderbereich gearbeitet. Sie hat Eltern und Kinder über mehrere Jahre begleitet und beschrieben, welche Phasen sie bei den Eltern wahrgenommen hat. Das ist kein bis ins Letzte beforschtes Konzept. Aber es ist so nah an unserer Wirklichkeit, dass sich fast alle Eltern darin wiederfinden.
Modul 2: Leben im Ausnahmezustand. Es geht um die Zeit rund um die Diagnose und um die großen, oft dramatischen Gefühle, denen man da ausgesetzt ist. Im Kurs sind möglichst viele dieser Gefühle aufgelistet und beschrieben. Wenn Eltern diese durchgehen, kommt oft die Rückmeldung: „Genau so war das. Und mir war gar nicht klar, dass es völlig in Ordnung ist, so zu fühlen. Dass niemand darüber bestimmen darf. Dass ich mich nicht zusammenreißen muss“.
Modul 3: Neuordnung der äußeren Welt. Die Diagnose ist da, und dann geht die Suche nach Hilfen los. Plötzlich hast Du im besten Fall sieben Teamplayer am Tisch: Pflegekasse, Krankenkasse, Staat, Land, Kommune, Behindertenhilfe und Jugendamt. Sehr viele Fäden, die Du alle gleichzeitig halten sollst. In diesem Modul werden die sozialrechtlichen Grundlagen vermittelt, nicht in der Tiefe, aber so, dass Du erkennst, was Dir eigentlich zusteht.
Modul 4: Neue innere Ausrichtung. Diese Phase greift wie ein Reißverschluss in die äußere Neuordnung. Als Elternteil eines Kindes mit Behinderung hast Du einen anderen Blick auf die Gesellschaft. Du setzt andere Prioritäten, Du hast andere Ressourcen und musst sie anders einteilen. Vielleicht verändern sich auch Deine Werte. Themen und auch Freundschaft verändern sich. Im Kurs wird das beleuchtet, und es wird gemeinsam ein Schwerpunktthema erarbeitet.
Modul 5: Normalisierung, Ruhe kehrt ein. Irgendwann ist der Therapieterminkalender gewuppt, es gibt ein Netzwerk aus Ärztinnen und Ärzten und Helfern für zu Hause, und das Kind ist im Kindergarten oder in der Schule. Dann geht es um die Frage, wie Du Kraft tankst, wie Ihr wieder Paar sein könnt und was die Geschwisterkinder eigentlich brauchen. Für manche Familien dauert diese Phase Jahre.
Modul 6: Loslassen und Reiserucksack. Nancy Miller hat die letzte Phase als Loslassen beschrieben und gefragt, was es braucht, damit das Kind von zu Hause ausziehen kann. Für den Kurs ist die Frage heruntergebrochen: Was braucht es, damit ich mein Kind in andere Hände geben kann? Und was braucht es, wenn ich mein Kind loslassen muss, weil es vielleicht eine lebensverkürzende Erkrankung hat? Im Reiserucksack stecken alle Themen, die uns Eltern noch unter den Fingernägeln brennen und sich keiner Phase zuordnen lassen. Vor allem Kommunikation: Wie spreche ich mit Nachbarn und mit Freunden, die mit unserer Situation wenig anfangen können?
Wie ein Kursabend abläuft
Am Beispiel von Modul 2 sehen die 120 Minuten so aus.
Zuerst kommen alle an. Der Einstieg ist ein kurzer Entspannungsimpuls von wenigen Minuten, das kann zum Beispiel eine Atembeobachtung sein. Dazu eine ressourcenorientierte Frage wie: Was hat Dich heute zum Lächeln gebracht, und was hast Du dazu beigetragen? Weil wir den Blick auf das schulen wollen, was gut ist und was schon da ist.
Danach wird die Phase des Ausnahmezustands in einer Präsentation beschrieben und zusammengefasst. Es folgt der Austausch in der Gruppe: Welche Gefühle habe ich erlebt? Wie bin ich damit umgegangen? Was hilft mir im Pflegealltag? Hier haben Eltern sich oft viel zu sagen. Es wird viel genickt. Man merkt schnell, dass alle aus derselben Ecke kommen.
Zum Schluss stehen die Schwerpunktthemen. In Modul 2 können das S.O.S.-Übungen sein, also kleine Übungen für den Moment, in dem die Angst riesengroß wird. Oder die Lebenslinie: Der Alltag ist gerade eine große Herausforderung, aber es ist nicht die erste in Deinem Leben. Was hat Dir damals geholfen, und was davon könnte Dir heute helfen? Ein weiteres Schwerpunktthema heißt „Wenn die Psyche Hilfe braucht“.
Warum die Phasen immer wieder von vorn beginnen
Die Phasen sind keine Treppe, die man einmal hochgeht. Du fängst wieder bei der ersten an, wenn ein Lebensübergang ansteht: vom Kindergarten in die Schule, von der Schule in die weiterführende Schule. Oder wenn ein neues Hilfsmittel gebraucht wird, weil dann die Suche wieder losgeht. Wer ist zuständig? Welches Sanitätshaus ist das beste? Welches Hilfsmittel passt zu meinem Kind, welches ist das günstigste? Auch ein neues Medikament, eine neue Diagnose, ein akuter Klinikaufenthalt oder die Erkrankung eines Familienmitglieds setzen diesen Kreislauf wieder in Gang. Und jede Phase wirkt auf alle anderen.
Genau deshalb ist der Blick im Kurs ressourcenorientiert. Nicht: Was fehlt mir? Sondern: Wie bin ich damit zurechtgekommen, und was hat mir dabei geholfen?
Häufige Fragen zum Kurs
Für wen ist der Kurs?
Für Eltern, die ihr Kind pflegen.
Was kostet der Kurs?
Nichts. Die Kosten übernimmt die Pflegekasse nach § 45 SGB XI.
Muss ich bei einer bestimmten Kasse versichert sein?
Nein. Die Pflegekasse, mit der der Vertrag besteht, hat zugesagt: Alle dürfen mitmachen, unabhängig davon, wo sie versichert sind.
Wird mir der Kurs bei anderen Leistungen abgezogen?
Nein. Der Pflegekurs ist eine zusätzliche Leistung.
Findet der Kurs online statt?
Ja. Der Kurs findet online statt. Renate bietet auch Kurse in Präsenz statt (siehe renateweyrich.de)
Wie lange dauert der Kurs?
Sechs Treffen mit jeweils zwei Stunden. Es gibt mehrere Zeitfenster zur Auswahl.
So meldest Du Dich an
Der Kurs läuft direkt über Renate Weyrich. Die aktuellen Termine und das Anmeldeformular findest Du auf renateweyrich.de.
Zu weiteren Fragen könnt Ihr Euch gerne an uns wenden. Wenn sich z.B. Eltern, die sich bereits über den Philip Julius Verein kennen zusammentun wollen um gemeinsam an einem Kurs bei Renate teilzunehmen, sind wir gerne bereit eine Gruppe zusammenzustellen und anzumelden.

